Die Bilderberg-Spur im SPÖ-Machtkampf
Gerhard Zeiler gegen Andreas Babler – und ein internationales Netzwerk, das kaum jemand kennt. Der Machtkampf um die SPÖ-Führung ist eröffnet. Gerhard Zeiler hat sich vergangene Woche öffentlich in Stellung gebracht. Doch hinter dem ehemaligen ORF-Chef steht nicht nur eine internationale Medienkarriere, sondern auch eine bemerkenswerte Verbindung zu einem der diskretesten Netzwerke der Welt: der Bilderberg-Konferenz.
Am vergangenen Freitag platzte die Bombe: Gerhard Zeiler erklärte in der „Kronen Zeitung“ offiziell, dass er für den SPÖ-Parteivorsitz zur Verfügung steht. Im Interview mit Conny Bischofberger, geführt in Zeilers Villa in Wien-Hietzing, sagte der Medienmanager: „Ich glaube, dass ich die richtige Person bin, um die Partei aus diesem historischen Tief herauszuführen.“
Damit mischt sich Zeiler ganz konkret in die Machtfrage der SPÖ ein. Andreas Babler denkt nicht daran, seinen Posten freiwillig zu räumen. Zeilers Vorstoß hat damit einen offenen Machtkampf um die Führung der Bundes-SPÖ ausgelöst.
Doch wer ist dieser Gerhard Zeiler eigentlich – und in welchen Netzwerken bewegt er sich? Eine Spur führt zu einem der exklusivsten politischen Gesprächsforen der Welt: der Bilderberg-Konferenz.
Wer sind die Bilderberger?
Bilderberg gibt es bereits seit 1954 – also deutlich länger als das heute weltbekannte Weltwirtschaftsforum in Davos.
Einmal jährlich treffen sich rund 120 bis 140 handverlesene Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Finanzwelt, Medien, Militär und internationalen Organisationen. Die Teilnahme erfolgt ausschließlich auf Einladung. Die Teilnehmerlisten werden heute veröffentlicht – historisch war die Veranstaltung allerdings wesentlich weniger transparent.
Was dort gesprochen wird, bleibt vertraulich.
Und hier gelten die Chatham House Rules: Die Teilnehmer dürfen Informationen aus den Gesprächen verwenden, aber weder die Identität noch die Zugehörigkeit desjenigen nennen, von dem eine Aussage stammt. Genau diese Regel soll offene Gespräche ermöglichen.
Heißt praktisch: Was hinter den Türen besprochen wird, darf nicht nach außen getragen und einzelnen Teilnehmern zugeordnet werden.
Es gibt keine öffentlichen Gesprächsprotokolle, keine Abstimmungen und keine Resolutionen. Bilderberg selbst bezeichnet die Konferenz als Forum für informelle Gespräche und betont, dass es keinen vorgegebenen politischen Ausgang gibt.
Und genau hier beginnt die interessante Frage: Was passiert, wenn Menschen mit enormem Einfluss mehrere Tage unter Ausschluss der Öffentlichkeit miteinander reden?
Zeiler ist kein einmaliger Gast
Gerhard Zeiler war nicht nur einmal bei Bilderberg.
Er nahm unter anderem 2017, 2018, 2019, 2022 und 2024 teil.
Noch interessanter: Zeiler ist inzwischen Mitglied des Steering Committee, des Lenkungsausschusses der Bilderberg-Konferenz.
Dieses Gremium ist maßgeblich an der Auswahl der Teilnehmer beteiligt.
Zeiler sitzt also nicht nur am Tisch.
Er gehört inzwischen zu jenem Kreis, der mitentscheidet, wer überhaupt an diesen Tisch eingeladen wird.
Und hier kommt die SPÖ ins Spiel
Denn Zeiler ist keineswegs der einzige Sozialdemokrat mit Bilderberg-Verbindungen.
Auf den Teilnehmerlisten finden sich über die Jahrzehnte unter anderem Bruno Kreisky, Heinz Fischer, Franz Vranitzky, Werner Faymann, Alfred Gusenbauer und Pamela Rendi-Wagner.
Besonders interessant: Rendi-Wagner feierte 2018 ihr Bilderberg-Debüt in Turin. Wenige Monate später wurde sie SPÖ-Chefin.
Und 2024 saß sie gemeinsam mit Gerhard Zeiler wieder auf der Bilderberg-Teilnehmerliste – diesmal in Madrid.
Auch der ehemalige SPÖ-Minister Rudolf Scholten war über Jahre Mitglied des Bilderberg-Steering-Committees.
Das beweist keine geheime Steuerung der SPÖ. Aber es zeigt eine bemerkenswerte personelle Verbindung. Die Bilderberg-Welt und die Führungsebene der österreichischen Sozialdemokratie haben sich über Jahrzehnte immer wieder überschnitten.
Warum hört man von Bilderberg so wenig?
Hier kommt das Weltwirtschaftsforum ins Spiel. Davos ist heute ein globales Medienereignis: Kameras, Interviews, Politiker, Konzernchefs, Schlagzeilen. Bilderberg funktioniert genau andersherum. Keine öffentliche Bühne. Keine Berichterstattung aus den Gesprächen. Keine Protokolle darüber, wer was gesagt hat. Obwohl Bilderberg schon seit 1954 existiert, ist das WEF längst wesentlich stärker im öffentlichen Bewusstsein verankert.
Auch etablierte Medien berichten über Bilderberg – das Thema verschwindet aber meist rasch wieder aus der täglichen Berichterstattung. Vielleicht auch deshalb, weil es über Bilderberg kaum das klassische journalistische Produkt gibt: „Person X sagte dies, Person Y forderte jenes.“ Die Regeln lassen genau das nicht zu.
Was wird dort wirklich besprochen?
Hier sollte man sauber bleiben. Es gibt zwar natürlich keine offiziellen Unterlagen, dass bei Bilderberg geheime Regierungen gebildet oder politische Befehle verteilt werden. Aber genauso unbestreitbar ist: Dort treffen sich regelmäßig Menschen, die in Politik, Wirtschaft, Medien, Finanzwelt und internationalen Organisationen erheblichen Einfluss besitzen. Und sie reden miteinander. Vertraulich. Mehrere Tage lang.
Ist das schon Macht?
Oder entsteht Macht vielleicht gerade dadurch, dass die richtigen Menschen überhaupt miteinander ins Gespräch kommen? Das muss jeder selbst beurteilen.
Zeiler gegen Babler – zwei politische Welten?
Und genau deshalb wird die Bilderberg-Verbindung im aktuellen SPÖ-Machtkampf interessant. Auf der einen Seite Andreas Babler: Kommunalpolitik, Gewerkschaft, Arbeiterbewegung, Parteibasis. Auf der anderen Seite Gerhard Zeiler: internationale Medienkonzerne, globale Netzwerke – und seit Jahren Bilderberg. Das ist nicht automatisch ein Beweis für unterschiedliche politische Ziele. Aber es sind zwei sehr unterschiedliche politische Biografien und Netzwerke.
Und damit stellt sich eine interessante Frage:
Welche SPÖ soll künftig den Ton angeben – die Partei der Basis und der Gewerkschaften oder eine Sozialdemokratie, die stärker in den internationalen politischen, wirtschaftlichen und medialen Netzwerken verankert ist?
Die Bilderberg-Verbindungen beantworten diese Frage nicht. Aber sie zeigen, welche Netzwerke hinter dem Mann stehen, der jetzt öffentlich Anspruch auf die SPÖ-Führung erhebt.
Denn bevor man über Macht spricht, sollte man wissen:
Wer sitzt eigentlich mit wem am Tisch?