Humanitas Deventer: Wo Studenten gratis wohnen und Senioren wieder lachen
In Deventer, einer ruhigen Stadt im Osten der Niederlande, gibt es ein Pflege- und Wohnzentrum, das seit mehr als zwölf Jahren zeigt, wie einfach und wirkungsvoll gesellschaftliche Probleme gelöst werden können. Das Woon- en Zorgcentrum Humanitas hat ein Modell geschaffen, das weltweit Aufsehen erregt: Studenten wohnen dort kostenlos – im Gegenzug verbringen sie mindestens 30 Stunden im Monat als „gute Nachbarn“ mit den Senioren. Keine Pflegearbeit, keine Verpflichtung zur medizinischen Betreuung. Einfach Menschlichkeit, Gespräche, gemeinsame Zeit. humanitasdeventer.nl
Die Vision einer warmherzigen Direktorin
Die Idee stammt von Gea Sijpkes, der engagierten Direktorin von Humanitas. Anfang der 2010er Jahre stand das Haus vor Herausforderungen: leere Zimmer nach Änderungen in der Finanzierung der Altenpflege und gleichzeitig eine wachsende Wohnungsnot unter Studenten. Sijpkes sah nicht nur Probleme, sondern Chancen. „Wir wollten das wärmste und schönste Zuhause für Senioren in Deventer schaffen“, sagt sie. „Und das mit der Energie der Jugend.“ Der Startschuss fiel um 2012/2013. Ein Student beschwerte sich über teure und laute Studentenwohnungen – Sijpkes bot ihm und anderen ein Zimmer im Heim. Heute leben regelmäßig mehrere Studenten inmitten von rund 160 älteren Bewohnern. Sie haben eigene kleine Apartments, zahlen weder Miete noch Nebenkosten und dürfen ihr studentisches Leben frei gestalten – solange sie die 30-Stunden-Verpflichtung einhalten.
Was „gute Nachbarn“ wirklich bedeutet
Die Stunden sind bewusst flexibel und unkompliziert. Die Studenten essen gemeinsam mit den Senioren, spielen Brettspiele, schauen Sportübertragungen, feiern Geburtstage, gehen spazieren oder helfen bei kleinen Alltagstechniken – Smartphone, E-Mails, Videocalls mit Enkeln im Ausland. Manche erzählen von ihren Vorlesungen, andere hören den Lebensgeschichten der Älteren zu. Es entstehen echte Freundschaften.„Ich habe eine 93-jährige Hausgenossin“, berichtete ein Student einmal begeistert. Die Bewohnerin Joke van Beek lernte von ihrem jungen Nachbarn sogar Beer Pong – und lachte dabei wie ein Teenager. Die Studenten bringen frischen Wind, neue Themen und vor allem: Präsenz. „Die jungen Leute holen die Außenwelt herein. Es liegt so viel Wärme in diesen Kontakten“, beschreibt Gea Sijpkes die Atmosphäre.
Ein Win-Win für alle Beteiligten
Die Vorteile sind vielfältig und wissenschaftlich gut belegt:
Für die Senioren sinkt die Einsamkeit spürbar. Soziale Kontakte verbessern die Lebensqualität, heben die Stimmung und können sogar die Lebenserwartung positiv beeinflussen. Statt steriler Routine herrscht Leben im Haus – Gelächter auf den Fluren, frische Energie, Neugierde. Viele Bewohner sagen, dass die Tage wieder „zu einem kleinen Fest“ werden.
Für die Studenten ist es eine enorme Entlastung in Zeiten explodierender Mieten. Statt hoher Kredite fürs Studium sparen sie Geld und gewinnen etwas viel Wertvolleres: Perspektive, Dankbarkeit und oft lebensverändernde Beziehungen. Sie lernen Demut, Respekt und die Schönheit des Älterwerdens kennen – fernab von Vorurteilen.
Für das Heim entsteht eine lebendige, inklusive Gemeinschaft. Humanitas gilt nicht umsonst als eines der inspirierendsten Projekte Europas. Das Konzept hat internationale Medien (PBS, BBC, The Atlantic) und andere Einrichtungen weltweit beeinflusst.
Die Studenten sind keine Ersatz-Pflegekräfte. Sie sind einfach da – als Nachbarn, wie in einer ganz normalen Straße. Genau das macht den Unterschied: Es fühlt sich natürlich und echt an.
Über zwölf Jahre Erfolg und Weiterentwicklung
Mehr als ein Jahrzehnt später läuft das Projekt weiterhin erfolgreich. Humanitas arbeitet sogar an einer „Woonstudent 2.0“-Version, bei der Studenten und Senioren noch enger zusammenwohnen sollen. Die Wartelisten sind lang – sowohl bei den Jungen als auch bei denen, die in dieses besondere Haus einziehen möchten.
Das Modell beweist: Man braucht keine riesigen Budgets oder komplizierten Technologien, um gesellschaftliche Herausforderungen wie Einsamkeit im Alter und Wohnungsnot bei der Jugend anzugehen. Manchmal reicht eine kluge, mutige Idee und der Wille, Generationen zusammenzubringen.Humanitas Deventer ist mehr als ein Altersheim. Es ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie Nähe, Respekt und gemeinsame Zeit Barrieren abbauen und Leben bereichern. In einer Zeit, in der viele über den Zerfall sozialer Bindungen klagen, zeigt dieses Projekt: Es geht auch anders. Wärmer. Menschlicher. Und mit einem Lächeln auf beiden Seiten.
Wer weiß – vielleicht inspiriert die Erfolgsgeschichte aus Deventer bald auch Projekte bei uns. Die Idee ist einfach zu gut, um sie nicht zu kopieren.