Diesel, Dünger, Chips: Die Kettenreaktion beginnt
Stellen Sie sich vor, Sie planen Ihren Sommerurlaub – und plötzlich wird der Flug teurer oder fällt sogar aus. Gleichzeitig steigen die Preise für Lebensmittel, Verpackungen und sogar Medizinprodukte. Das klingt nach einem Worst-Case-Szenario, ist aber die reale Gefahr, die derzeit durch den anhaltenden Konflikt im Nahen Osten entsteht. Im Zentrum steht eine Meerenge: die Straße von Hormus.
Straße von Hormus – und warum ist sie so wichtig?
Die Straße von Hormus ist der schmale Seeweg zwischen dem Persischen Golf und dem offenen Meer. Durch diese nur etwa 30 Kilometer breite Passage fließen normalerweise rund 20 Prozent des weltweiten Rohöls und große Mengen an verflüssigtem Erdgas. Seit dem Ausbruch des Krieges Ende Februar 2026 hat der Iran die Route weitgehend blockiert. Trotz vereinzelter Ankündigungen von Teilöffnungen bleibt der Schiffsverkehr stark eingeschränkt oder unsicher – viele Reeder trauen sich nicht durch, aus Angst vor Angriffen, Minen oder Eskalation.
Das allein wäre schon ein Problem. Aber es kommt schlimmer: Selbst wenn Tanker wieder durchfahren könnten, muss das Rohöl erst in Raffinerien verarbeitet werden – zu Kerosin für Flugzeuge, Diesel für Lkw, Benzin für Autos oder zu Grundstoffen für Chemie und Kunststoffe. Genau hier hakt es zusätzlich: Weltweit gibt es eine auffällige Häufung von Bränden, Explosionen und Störungen in Raffinerien (in Russland, den USA, Indien, Australien und der Golfregion). Manche sind eindeutig Kriegsfolgen oder Sabotage, andere werden als technische Unfälle eingestuft. Das Ergebnis: Weniger Verarbeitungskapazität, genau dann, wenn das Rohöl schon knapp ist.
Kerosin-Knappheit: Droht der Flugverkehr zusammenzubrechen?
Die Internationale Energieagentur (IEA) warnt: In Europa reichen die Kerosinvorräte derzeit nur noch für etwa sechs Wochen (Ende Mai 2026). Die Preise für Flugbenzin haben sich seit Kriegsbeginn teilweise verdoppelt oder sogar um über 120 Prozent erhöht.
Airlines reagieren bereits:
Die Lufthansa Group, zu der auch Austrian Airlines gehört, streicht bis Oktober rund 20.000 Kurzstreckenflüge und legt Teile der Flotte still.
Andere Gesellschaften wie Wizz Air melden Engpässe an Flughäfen, KLM und weitere kürzen Verbindungen.
Europäische Flughafenbetreiber warnen vor einer „systemischen Knappheit“ ab Mai, falls keine Entspannung eintritt.
Für uns als Passagiere bedeutet das: Höhere Ticketpreise, gestrichene Flüge und ein unsicherer Sommerurlaub – besonders bei Fernreisen. Innereuropäische Verbindungen sind etwas robuster, aber auch hier drohen Einschränkungen. Der Verband der Fluggesellschaften spricht von den größten Auswirkungen auf den Luftverkehr seit der Corona-Pandemie.
Die Kettenreaktion auf dem Boden
Kerosin ist nur der Anfang. Weniger Diesel aus den Raffinerien trifft den Straßenverkehr hart. Spediteure und Lkw-Fahrer zahlen schon jetzt deutlich höhere Preise – teilweise 30–50 Prozent mehr in manchen Märkten. Das treibt die Kosten für alle transportierten Güter in die Höhe: Lebensmittel, Baustoffe, Elektronik, Kleidung. In wenigen Wochen könnte sich das in Supermarktregalen und Rechnungen bemerkbar machen – höhere Preise, längere Lieferzeiten, mögliche Engpässe.
Noch tiefer gehende Folgen: Dünger, Chips und Medizin
Der Krieg trifft nicht nur Treibstoffe, sondern auch wichtige Nebenprodukte der Öl- und Gasverarbeitung:
Düngemittel: Länder wie Katar und Saudi-Arabien sind große Exporteure von Ammoniak und Harnstoff. Die Störungen lassen die Preise steigen und gefährden die Landwirtschaft – mit Folgen für die nächste Ernte und letztlich für Lebensmittelpreise weltweit.
Helium: Katar liefert einen großen Teil des weltweiten Heliums (Nebenprodukt der Gasverarbeitung). Das Gas wird für die Herstellung von Computerchips, für MRI-Geräte in Krankenhäusern und in der Forschung gebraucht. Chip-Produzenten wie TSMC spüren schon Engpässe – das könnte den KI-Boom und die Elektronikindustrie bremsen.
Petrochemie: Aus Öl entstehen Grundstoffe für Kunststoffe, Verpackungen, Textilien, Autoteile und viele Medizinprodukte (z. B. Einwegmaterialien, Sterilisationsgase). Preise für Naphtha und andere Chemikalien sind stark gestiegen, Force-Majeure-Meldungen (Lieferausfälle) häufen sich. Das kann zu Knappheit bei Alltagsprodukten führen – von Verpackungen bis hin zu pharmazeutischen Hilfsmitteln.
Was bedeutet das für uns in Europa, Deutschland und Österreich?
Noch gibt es keine akuten Versorgungskrisen in Deutschland und auch Österreich, und die Regierungen betonen, dass strategische Reserven und alternative Lieferungen (z. B. aus den USA) helfen sollen. Dennoch raten Branchenverbände und Experten zur Vorsicht. Die EU arbeitet an Notfallplänen: Bessere Nutzung europäischer Raffinerien, gemeinsamer Einkauf von Treibstoff und Priorisierung wichtiger Flüge.
Die Krise zeigt, wie verwundbar unsere global vernetzte Welt ist. Ein Konflikt an einem fernen Engpass kann innerhalb weniger Wochen zu spürbaren Einschränkungen bei Reisen, Transport und Alltagsgütern führen. Die gute Nachricht: Diplomatie und Ceasefire-Bemühungen könnten die Lage entschärfen. Die schlechte: Je länger die Blockade und die Raffinerie-Probleme andauern, desto stärker wird der Dominoeffekt.
Behalten Sie aktuelle Nachrichten im Auge (IEA-Berichte, Airlines-Updates). Wer einen Flug oder Urlaub plant, sollte flexible Optionen prüfen und Preisentwicklungen beobachten. Und für die breitere Wirtschaft gilt: Weniger Abhängigkeit von einzelnen Routen und Rohstoffen wäre langfristig ein guter Schutz.
Die Lage ändert sich schnell – hoffen wir, dass Vernunft und Verhandlungen bald wieder freie Wege für Öl, Gas und Güter schaffen.