Wikipedia unter Beschuss: Mitgründer Larry Sanger spricht von „linker Übernahme“
Schwere Vorwürfe gegen eine der mächtigsten Wissensplattformen der Welt – und sie kommen ausgerechnet von einem ihrer Mitgründer. Larry Sanger rechnet mit Wikipedia ab und behauptet, dass die Online-Enzyklopädie ihren ursprünglichen Anspruch auf politische Neutralität zunehmend verloren habe. Besonders konservative Sichtweisen würden seiner Ansicht nach systematisch benachteiligt.
Wikipedia gehört zu den meistgenutzten Informationsquellen der Welt. Millionen Menschen greifen täglich auf die Online-Enzyklopädie zurück – häufig auch dann, wenn es um politisch oder gesellschaftlich umstrittene Themen geht.
Umso brisanter sind die Vorwürfe, die Larry Sanger nun im Interview mit der „Berliner Zeitung“ erhebt.
Sanger: „Die Linke hat die Enzyklopädie kulturell übernommen“
Sanger, der Wikipedia gemeinsam mit Jimmy Wales mitbegründete, sieht die Plattform inzwischen deutlich von ihrem ursprünglichen Ideal entfernt.
Seiner Ansicht nach habe sich innerhalb der Wikipedia-Strukturen ein politisches und kulturelles Milieu durchgesetzt, das er als überwiegend progressiv, akademisch, säkular und globalistisch beschreibt.
Sanger geht sogar noch weiter und spricht von einer kulturellen Übernahme durch die politische Linke. Diese sei seiner Auffassung nach wesentlich stärker daran interessiert, Institutionen nach ihren Vorstellungen zu formen.
Damit stehe ausgerechnet eine Plattform unter Ideologie-Verdacht, deren großer Anspruch seit ihrer Gründung darin besteht, Wissen möglichst neutral und ausgewogen zugänglich zu machen.
Wer entscheidet eigentlich, was bei Wikipedia steht?
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die internen Machtstrukturen der Online-Enzyklopädie.
Wikipedia wird bekanntlich nicht von einer klassischen Redaktion geschrieben. Freiwillige Autoren können Artikel bearbeiten, Änderungen diskutieren und über Inhalte streiten. Besonders erfahrene Nutzer verfügen über zusätzliche Möglichkeiten und Einfluss.
Sanger sieht genau darin mittlerweile ein Problem. Einflussreiche Akteure könnten unter Pseudonymen auftreten, wodurch für normale Leser kaum nachvollziehbar sei, wer hinter bestimmten Entscheidungen steckt.
Sein ursprünglicher Fehler sei die Annahme gewesen, dass eine Neutralitätsregel alleine ausreiche, damit sich innerhalb eines offenen Wiki-Systems langfristig ausgewogene Inhalte durchsetzen.
Streit um „gute“ und „schlechte“ Quellen
Besonders brisant ist Sangers Kritik an der Quellenpolitik.
Denn Wikipedia entscheidet anhand eigener Regeln, welche Medien und Veröffentlichungen als zuverlässige Quellen verwendet werden dürfen. Genau diese Einstufungen können erheblichen Einfluss darauf haben, welche Informationen Eingang in einen Artikel finden.
Sanger behauptet, dass etablierte und insbesondere progressive Quellen wesentlich häufiger akzeptiert würden, während konservative Medien deutlich schlechtere Karten hätten.
Für ihn entsteht dadurch ein ideologischer Filter: Wird eine bestimmte Quelle grundsätzlich nicht akzeptiert, können auch die dort vertretenen Perspektiven bei kontroversen Wikipedia-Artikeln schwerer berücksichtigt werden.
Mitgründer wollte mehr Meinungsvielfalt
Sanger beließ es nicht bei Kritik von außen. Mit dem Projekt „WikiProject Intellectual Diversity“ wollte er innerhalb der Plattform eine größere weltanschauliche Vielfalt fördern.
Doch der Versuch sorgte für Konflikte.
Sanger wurde schließlich von der Wikipedia-Community unbefristet gesperrt. Als offizieller Grund wurde „Canvassing“ genannt. Hintergrund war unter anderem, dass er auf der Plattform X auf eine interne Wikipedia-Debatte aufmerksam gemacht hatte.
Der Wikipedia-Mitgründer selbst kritisiert das Vorgehen scharf und sieht darin mangelnde Verfahrensgerechtigkeit.
Wie neutral kann Wikipedia überhaupt sein?
Der Konflikt wirft eine grundsätzliche Frage auf, die weit über Larry Sanger hinausgeht.
Wie neutral kann eine Plattform tatsächlich sein, deren Inhalte von freiwilligen Autoren geschrieben und deren Regeln von einer Community ausgelegt und durchgesetzt werden?
Bei historischen Daten oder naturwissenschaftlichen Grundlagen dürfte das vergleichsweise wenig Konfliktpotenzial bieten. Anders sieht es bei Politik, Migration, gesellschaftlichen Debatten oder aktuellen Konflikten aus. Dort können bereits die Auswahl von Quellen, einzelne Formulierungen oder die Gewichtung bestimmter Ereignisse darüber entscheiden, welches Bild beim Leser entsteht.
Ausgerechnet der Mitgründer schlägt Alarm
Sangers Aussagen haben besonderes Gewicht: Hier kritisiert nicht irgendein außenstehender Gegner Wikipedia, sondern einer der Männer, die das Projekt einst selbst mit auf den Weg gebracht haben.
Sanger hält die Plattform inzwischen für „kompromittiert“ und fordert mehr Transparenz, weltanschauliche Vielfalt und echte Offenheit gegenüber unterschiedlichen politischen Perspektiven.
Damit dürfte die Diskussion über Wikipedia weitergehen.
Denn bei einer Plattform, die für Millionen Menschen zum digitalen Nachschlagewerk Nummer eins geworden ist, geht es um eine entscheidende Frage: Wer bestimmt eigentlich, welches Wissen als neutral und zuverlässig gilt – und welche Perspektiven draußen bleiben?