„Die Spiralenkampagne – ein dänischer Bevölkerungseingriff in Grönland“
Ein dunkles Kapitel europäischer Nachkriegsgeschichte wird gerade Stück für Stück ans Licht gezerrt: In den 1960er- und 70er-Jahren setzten dänische Behörden in Grönland tausenden minderjährigen Mädchen ohne Einverständnis Spiralen zur Empfängnisverhütung ein. Nun hat sich Premierministerin Mette Frederiksen offiziell entschuldigt. Doch viele fragen: War das wirklich nur ein „Fehler der damaligen Zeit“ – oder steckt dahinter eine gezielte Form von Bevölkerungskontrolle, wie sie immer wieder in verschiedensten Ländern praktiziert wurde?
Ein Eingriff ohne Wissen und Zustimmung
Die sogenannte Spiralenkampagne zielte offiziell auf „Familienplanung“ ab. Tatsächlich bedeutete sie: Mädchen – manche gerade 13 oder 14 Jahre alt – wurden in Krankenhäusern und Kliniken behandelt und erhielten Spiralen eingesetzt, ohne dass ihre Eltern informiert, geschweige denn um Erlaubnis gebeten wurden. Für viele Frauen war es ein traumatisches Erlebnis, das bis heute körperliche und seelische Spuren hinterlässt.
Kostengründe als Rechtfertigung
Die nackten Zahlen sind erschütternd: Zwischen 1966 und 1969 hatten rund 35 Prozent aller grönländischen Frauen im gebärfähigen Alter eine Spirale. Die Geburtenrate brach ein. Hintergrund: Grönland war 1953 offiziell Teil des dänischen Königreichs geworden. Die dänische Regierung investierte viel Geld in Infrastruktur, Bildung und Gesundheit. Doch die steigende Geburtenrate bedeutete steigende Kosten. Anstatt eine nachhaltige Lösung zu suchen, entschied man sich für einen kalten, bevölkerungspolitischen Eingriff – Kinder wurden als „zu teuer“ betrachtet.
Die späte Entschuldigung
2023 wurde eine unabhängige Kommission eingesetzt, um die Vorgänge aufzuarbeiten. Der Abschlussbericht soll im September 2025 erscheinen. Doch schon jetzt ist klar: Die Kampagne war systematisch, großflächig und zutiefst entwürdigend. Ministerpräsidentin Frederiksen sagte nun: „Wir können nicht ändern, was geschehen ist. Aber wir können Verantwortung übernehmen.“ Worte, die für viele Betroffene zu spät kommen.
Empörung und Fragen
Wer steckt dahinter?
Es stellt sich die Frage: Wer hat diese Entscheidungen getroffen? Waren es allein dänische Beamte, die den Haushalt entlasten wollten? Oder war es Teil einer größeren Ideologie, die in der Nachkriegszeit vielerorts wirkte – nämlich, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen „reguliert“ werden müssen?
Ein Muster, das sich wiederholt
Der Grönland-Skandal ist kein Einzelfall:
In Schweden wurden bis in die 1970er Jahre Menschen zwangssterilisiert, die als „minderwertig“ galten.
In den USA traf es indigene Frauen, Afroamerikanerinnen und Menschen mit Behinderungen.
Auch die Vereinten Nationen förderten Programme der „Familienplanung“ in armen Ländern – oft flankiert von massiven Eingriffen in die Selbstbestimmung.
Es entsteht ein beunruhigendes Muster: Unter dem Vorwand von Modernisierung, Kosteneffizienz oder „Gesundheitsvorsorge“ wurden Bevölkerungen kontrolliert, reduziert oder umgeformt.
Ein globales Gedankengut?
Wenn man die Puzzleteile zusammenlegt, drängt sich der Verdacht auf: Hier handelt es sich nicht nur um isolierte staatliche Experimente, sondern um ein Gedankengut, das international geteilt wurde – die Idee, dass „zu viele Kinder“ in bestimmten Gruppen ein Problem darstellen. Grönland war dabei offenbar ein Testfeld: weit weg, marginalisiert, leicht zu steuern.
Die „Spiralenkampagne“ in Grönland war nicht einfach nur ein „Fehler der Vergangenheit“. Sie war ein massiver Eingriff in das Leben tausender Frauen – aus rein ökonomischen und ideologischen Motiven. Dänemarks Entschuldigung ist überfällig, doch sie wirft eine viel größere Frage auf:
Wie viele solcher Programme gab es noch – vielleicht unter anderem Namen, mit anderen Methoden – aber immer mit demselben Ziel: die Kontrolle über Leben, Fortpflanzung und letztlich über die Zahl der Menschen?